Wissenschaft und Erbsensuppe

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Das ambulante Vortragsgewerbe hat ganz eigene Reize. Nicht nur für Laiendarsteller, auch für den vom Fach ist es eine Wundertüte voller Überraschungen! Zum Beispiel: Vor einigen Jahren trat ich in einer südpfälzischen Stadt am Rhein in die Bütt. Nennen wir das Gemeinwesen hier Schnougeloch. Wie sich zeigen wird, hat die Diskretion Gründe. Deshalb ist auch die damals in Schnougeloch tagende, bundesweite Vereinigung umgetauft.

Wie beginnt sowas? Ganz einfach. Diese Vereinigung rief mich an.

Zuerst der Zucker: Man habe natürlich von mir gehört, außerdem sei ich von der Veste Coburg empfohlen worden. Und so weiter, und bla.

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Schön.

Dann die Zitrone: Für den jetzt zu vereinbarenden Vortrag gäbe es leider kein Honorar. Nicht mal ein symbolisches. Die Situation im allgemeinen und im besonderen, und überhaupt, und leider, und bla.

Rasch wieder gezuckert: Dafür sei aber ein Tagungsband geplant, der alle Beiträge präsentieren werde!

Das mit dem Honorar überraschte mich wenig. Und Tagungsband? O je, sowas haben vorher schon viele versprochen.

Ohne mir Gelegenheit zum Einhaken zu geben: Ob ich bitteschön also Zeit und Lust und doch bestimmt auch was Passendes auf der Pfanne habe? Redezeit 50 bis 60 Minuten, das ginge doch?

Das sind so die Sitten und Gebräuche.

Ich sagte zu.

Unter www.hauenstein-aktuell.de mit entsprechendem Vorlauf zu lesen, hier gekürzt und verfremdet: Hauensteiner Historiker gefragt – Vom …-…. September 2… tagt der renommierte „Allgemeine Verein für Militärgemäuer“ im Bürgersaal des Stadthauses Schnougeloch. Titel der von der Stadt Schnougeloch betreuten Forschungstagung: „Leben in und mit Festungen“. Die breitgefächerte Themenpalette reicht vom Festungsbau über die sozialen Verhältnisse in einer Festungsstadt bis hin zu den Grünflächen in ehemaligen Wehrplätzen.

Die acht Referenten sind auf ihren Fachgebieten allesamt „Hochkaräter“. Zu ihnen gehört auch der Hauensteiner Dr. Eckhard Braun, der am Historischen Seminar der Universität Koblenz-Landau auf dem Campus Landau Pfälzische Landeskunde lehrt. Thema seines am Samstag, dem … September um 12 Uhr stattfindenden Vortrags: „Vom Umgang mit Handwaffen in Festungen.“

Wie von uns berichtet, ist der Wissenschaftler im vorigen Jahr auch bei einer Veranstaltung des Europäischen Burgeninstituts auf der thüringischen Veste Heldburg aufgetreten. Unverfremdet, denn Honorar und Spesenübernahme deckten sich mit dem Anspruch der Tagung. Seltener Fall!

Braun: „Es ist eine Ehre…“ Und bla. Was man so sagt.

Die Veranstaltungen sind für Besucher offen. Es ist geplant, alle Vorträge in einem Tagungsband zu veröffentlichen.

So weit die Werbetrommel. Nur die Lumpen lassen sich nicht loben, wußte schon der Namenspatron meiner Frankfurter Alma mater.

Daß die Trommel erwartungsgemäß keinen Hääschdner lockte? Das sind so die hiesigen Sitten und Gebräuche. Das Gespür, wovor man buckeln muß und was man besser ignoriert, ist hierorts nämlich bestens entwickelt. Aber geschenkt.

Es kam ein strahlender pfälzischer Septembersamstag. Aus Zeitmangel, der sich glücklich mit einem gewissen Defizit an Interesse traf, hatte ich mir die Vorträge vom Freitag erlassen. Ich war genauso wenig erpicht auf das, was vor meinem Auftritt, dem letzten der Vortragsreihe, am Samstagvormittag laufen sollte.

In Schnougeloch fand ich in günstiger Lage einen kostenlosen Parkplatz. Mit druckfertigem Ausdruck und Diskette, Stichwort Tagungsband, denn vor dem Menschen stirbt als vorletztes die Hoffnung, hielt ich um 11 Uhr wohlgelaunt Einzug in das Stadthaus.

Dort pflegte man in Vorraum und Tagungslokal jetzt erst der schon für 9 Uhr 45 ins Programm geschriebenen Kaffeepause. Die beiden ersten Referenten des Tags hatten gewaltig überzogen.

Denn das Maul auftun kann sogar, wer öffentlicher Rede gar nicht mächtig ist. Der Wissenschaftsbetrieb führt diese Sorte ebenfalls, und zwar reichlich. Andere dagegen präsentieren ihre Botschaft gekonnt. Doch nur die wenigsten Vertreter beider Gruppen beherzigen Luthers Mahnung, das Maul auch rechtzeitig wieder zuzumachen.

Na, denn. Kaffeepause. Umsehen: Eindeutig identifizierbar, da gravitätisch bis aufgeregt zwischen Tassen und Kuchentellern unterwegs, die Vorstandschaft der tagenden Vereinigung. Übererfüllte Frauenquote, nebenbei. Ton ganz unabhängig vom Geschlecht herzlich bis konfus.

Meldung zur Stelle. Aber bitte, bedienen Sie sich doch! Danke, nein, für mich nichts.

Da entdeckte ich in der Menge tatsächlich einen meiner Studenten! Waren sie also doch nicht ganz vergeblich gewesen, die Winke mit dem Zaunpfahl während der Veranstaltungen des Sommersemesters!

Die zäh dahinschleichende Pause bot Gelegenheit, mit dem angehenden Geschichtslehrer halblaut etwas zu hetzen über das restliche halbe Hundert Tagungsteilnehmer: Nicht nur der mit Feingebäck und Kaffee jonglierende Jungspund, sogar ich half noch mit, das Durchschnittsalter der Versammlung zu drücken! Sie bestand nämlich fast durchweg aus düster-hageren oder düster-gewichtigen Damen und Herren reiferer Jahrgänge. Beide Geschlechter favorisierten den Loden.

Wallenstein kannte seine Pappenheimer, ich kenne den Vortrags-Zirkus. Er hat etwas Inzüchtiges. Bei vielen Themen finden sich deutschlandweit auf der Referentenliste wie im Auditorium meist die selben Leute. Auch hier war kaum ein Anwesender aus Schnougeloch oder sonst aus der Pfalz. Die Mehrzahl kam aus Plattdeutschland. Vom G’wand her die Spezies „Flachland-Tiroler“. Trotz des scheinbar martialischen Steckenpferds der Militärgemäuer-Freunde sind die Herren häufig aus „weißen“ Nicht-mehr- oder Noch-nicht-Jahrgängen. Mancher Dame mit Trachtenhütchen und Gesundheitsschuhen sieht man allerdings an, daß sie einen streitbaren Stil pflegt.

Wie immer auf Veranstaltungen mit wissenschaftlichem Ruch, wenn eine Kommune sie mitträgt: Mittendrin im Reigen, aber einigermaßen isoliert, gelangweilt und hilflos, steht immer die Delegation des kommunalen Mitveranstalters herum. Hier also diejenige der Stadt Schnougeloch. Um Würde bemüht der Herr Bürgermeister. Auf den Gesichtern des kleinen Gefolges, Räte und Beamte, dagegen kaum verhohlen die Frage, was zum Deiwel einen denn an diesem schönen Samstagmorgen ausgerechnet hierher getrieben habe?

Vor meinen Worten war laut Tagungsprogramm noch ein mir bislang unbekannter Kollege dran. Er wollte über die Vegetation auf ehemaligen Wehranlagen referieren. Eigentlich schon ab 10 Uhr 15. Mittlerweile war es fast 11 Uhr 30. Na und? Träte ich eben erst um 12 Uhr nochwas auf. Ich war ja der letzte Vortragende. Als Nachmittagsprogramm lief eine Stadtbesichtigung. Konnte man doch leicht ebenfalls nach hinten schieben.

Dachte ich.

Der Studiosus bemerkte mit leisem Tadel, die vorigen Referenten hätten bereits erfolgreich das Weite gesucht und gefunden. Ich erklärte, dafür Verständnis aufbringen zu können. Das brächte die Erfahrung mit sich.

Endlich war die Kaffeepause vorbei.

Frau Professor oder –in Tagungsvorsitzende verkündete aufgekratzt, „wir“ würden uns „pünktlich um 12 Uhr 30“ zu einem nahe gelegenen Vereinsheim begeben. Dort serviere die Stadt Schnougeloch, „…bitte Applaus für Herrn Bürgermeister!“, eine „deftige Erbsensuppe“. Im Anschluß an die Mahlzeit beginne die Stadtführung. „…für deren Organisation, lieber Herr Bürgermeister, vielen, vielen lieben Dank! Auch für den versprochenen Druckkostenzuschuß zu unserem Tagungsband! Noch einmal danke, danke für die gestrige Bewirtung, und schon jetzt für die echt pfälzische Stärkung, die wir in Bälde genießen dürfen! Wir versprechen, wir werden pünktlich sein! 12 Uhr 30, ganz pünktlich! – Ich bitte die beiden noch auftretenden Referenten um Verständnis und zeitliches Bescheiden.“

Applaudete iterum, civites! Taten sie auch. Ich dagegen lockerte mir die Krawatte.

Mein Vorredner samt Thema wurde vorgestellt, er legte los. „Blaßblühendes Wiesenschaumkraut“ und andere solche Kracher auf irgendwelchen Wehrbau-Ruinen. Wissenschaftlich, ökologisch und politisch korrekt.

Pfälzerwald-Vegetation am Berwartstein
Pfälzerwald-Vegetation am Berwartstein – EB (Foto Repro (ha))

Ich habe ja zugegeben, die anderen Referate hätten mich eher wenig angezogen. Unter den jetzt waltenden Umständen gelang es mir erst recht nicht, den gleich von zwei Computer-Bildwerfern illuminierten Ausführungen zu folgen. Ich sah alle zwei Minuten auf die Uhr.

Natürlich konnte ich dem da vorne nicht böse sein, daß er die Gelegenheit auch nutzte, als sie endlich da war. Aber ich wollte doch auch noch, bitteschön! „Zeitliches Bescheiden“ oder nicht, man sollte wenigstens in Bruchstücken einen Eindruck bekommen von dem, was versäumte wurde durch das genauso professorale „in Bälde“! Auf Deutsch: durch diesen pünktlichen Zug von der Wissenschaft zur Erbsensuppe!

Ich arbeitete in Gedanken um, strich und raffte am Mündlichen der Schriftfassung. Und sah auf die Uhr.

Der Student grinste.

Schnougelochs Glocken erklangen.

Schon 12 Uhr, und der Grünzeugapostel immer noch im schönsten Flor! Die Damen und wenigen Herren am Vorstandstisch neben dem Rednerpult begannen mit dezenten Winksprüchen.

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Efeu auf dem Heidelberger Schloß – EB (Foto Repro (ha))

Ja, Peifedeggl! Der merkt nix! Schmeißt was rüber! Schaltet den Strom aus!

Mein Student grinste immer stärker.

Ich sah nicht mehr auf die Uhr. Jetzt grade nicht mehr! Ich richtete mir sogar den Schlips, lehnte mich im Stuhl zurück.

Es ging schon stark auf 12 Uhr 15, als der Botanisierer endlich durch war. Ich meinte, die „echt pfälzische Stärkung“ schon zu riechen. Nichts gegen Erbsesupp, aber die ominösen 12 Uhr 30 wollte ich natürlich überziehen. Wird ja immer dicker und besser, so ein flüssiges Hülsenfruchtgericht, je länger es köcheln darf.

Durfte es aber nicht.

Der Gewächskämpfer trat unter Pro-forma-Geklatsche ab, Frau Professor oder –in Tagungsvorsitzende winkte huldvoll „den nächsten und abschließenden Referenten“ nach vorne. Stellte mich und mein Thema vor und schloß weniger huldvoll, denn nachdrücklich: „…wie schade, daß wir schon in fünfzehn Minuten zur Erbsensuppe müssen!“

Ersticken sollst du dran!

Sagte ich aber nicht. Ich grüßte und dankte vielmehr in die Runde für die freundliche Einladung. Ganz zeremoniell. Auch ohne Honorar.

Ich zeigte kurz das Zusammengeheftete und wiederholte: „Vom Umgang mit Handwaffen in Festungen.“ Der zeitlichen Situation wegen gebrauchte ich dann den Begriff „Parforceritt“. Heißt, ich ordnete den Kapitelüberschriften nur jeweils zwei, drei Sätze zu.

Aber laut und deutlich! Weil mein Thema kein Architektur- oder Vegetationsgedöns, sondern das Zackigste der ganzen Militärgemäuer-Veranstaltung war? Nein. Ich wollte dieser Blase, die nun im Halbminutentakt auf die Uhren schielte, vielmehr stimmlich nahebringen, was mich immer stärker beseelte. Goethe hat daraus bekanntlich die klassischste aller Aufforderung gemacht.

Pünktlich um halb eins kam ich zum Schluß meines Minimalvortrags: „…leider kann ich Ihnen nicht mehr verraten. Denn jetzt – bleibt mir nur übrig, Ihnen guuuten Appetit zu wünschen zur Erbsensuppe!“

Ob man im Deutschen immer lügt, wenn man höflich ist, weiß ich nicht. Doch wie sehr ich bei diesem Schlußsatz gelogen hatte, weiß ich genau. Eigentlich hätten sich die ehrwürdigen Balken des Stadthauses biegen müssen.

Taten sie aber nicht. Waren vermutlich schon zu viel gewöhnt.

Mir dankte erheblich mehr und erheblich begeisterter gespendeter Applaus, als meinem Vorredner. Klar, die Aussicht auf den pünktlichen Verzehr der „deftigen Erbsensuppe“!

Der Saal begann sich im Sturmschritt zu leeren. Der Pflanzenmensch eilte mit. Die „echt pfälzische Stärkung“ war schließlich kostenlos.

Der Landauer Student blieb, grinste jetzt natürlich wie e Dräggschipp. Was der seinen Kommilitonen erzählen konnte!

Die hochwohllöbliche Vorstandschaft gönnte mir noch einen Händedruck. Nein, man wolle das „Manuskript“ jetzt noch nicht. Man fordere es dann an, wenn. Aha. Und schade, ja, aber die Umstände, Sie verstehen. Ah, hier, noch eine Jutetasche mit dem Emblem, als Erinnerung. Sie kommen doch mit zur Erbsensuppe, nicht wahr?

Wie tat es mir jetzt wohl, „Nein!!“ zu sagen! Nicht: „Nein, danke.“ Oder: „Leider nein.“ Einfach nur: „Nein!!“

Doch meine Antwort interessierte gar nicht. Unter der Tür, nervös auf sein Zeiteisen tippend, wartete nämlich der Stadtschultheiß. Also schleuniger Abmarsch auch des Vorstands.

Ich stand da mit Ausdruck samt Diskette. Und Jutetasche mit aufgedrucktem Emblem. Als Erinnerung.

Bis auf den Studenten und mich war der Saal leer.

Wie der Kerl grinste!

Da soll mal einer keinen Schreikrampf kriegen!

Aber sogar schmälst besoldete Akademiker haben wenigstens zu versuchen, Vorbild zu sein. Also kreischte ich jetzt doch nicht los.

Ich zerrte nur meine Krawatte wieder auf Durchzug, gab das Grinsen ebenso breit und herzlich zurück.

Neuer Vortrag, neues Glück! Oder so.

Eine junge Dame von der Höh‘, der ich bei früheren Gelegenheiten schon ähnliches Gewaber zugemutet hatte, war an diesem Samstag klugerweise ganz und gar verhindert gewesen. Beim Gefechtsbericht tat sie mitnichten Balsam auf mein wundes Herz. Sie lachte vielmehr schadenfroh: „G’schieht dir recht! Ich bin blond, awwer mir bassierd sowas net! Was hocksche aa bei sofer Tübbe?!“

Mnja.

Tagungsband? Man weiß, wie solche Hasen laufen. Das „Manuskript“ habe ich deshalb längst umfrisiert und anderswo veröffentlicht. Die Erinnerungs-Jutetasche fristet das profane Dasein aller Tuchgebilde, die als Einkaufshilfe dienen. Ihr Emblem hebt sie dabei so wenig, wie andere etwa ein Bäckerei-Logo oder das Große T in Magenta.

PS: „…eine Wundertüte voller Überraschungen!“ Glaube man es oder nicht, als ich gerade beschlossen hatte, die längst fertigen Zeilen vor der jetzt anstehenden Veröffentlichung nicht auf Neuschreib umzumodeln, klopften plötzlich und unerwartet wieder die Militärgemäuer-Freunde an! Brieflich diesmal. Ja, es sei schon einige Jahre her, und der Tagungsband habe seinerzeit aus den, den und jenen Gründen leider nicht „realisiert“ werden können. Aber jetzt sei es endlich doch so weit, und überhaupt, und bla. Ich solle also „bitte nicht böse“ sein über das lange Schweigen und meinen „wichtigen Beitrag“, an dem ihnen sehr läge, jetzt einschicken.

Aha.

Beigefügt ein mehrseitiges Konvolut. Darin verbreitete sich ein Verlag in aller Ausführlichkeit darüber, wie ich meinen Datenträger aufzubereiten habe. Weil sonst, beziehungsweise weil sonst nicht, und bla. Manchem kämen bei so einer Wunschliste glatt Zweifel an den EDV-Künsten des Hauses.
Dieser Aufsatz darf auch als Antwort auf ein verspätetes und merkwürdiges Lebenszeichen betrachtet werden.

Eckhard Braun

Hauenstein
19. November 2017, 05:51
Bewölkt mit Regenschauern
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