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Seit 2015 beobachtet Tante Paula das Leben auf der Straße

HAUENSTEIN. Sie sitzt Tag für Tag, Jahr für Jahr auf ihrer blauen Bank vor einem Haus in der Dahner Straße in Hauenstein, sie trotzt Schnee und Wind und Regen, trägt derzeit –wie es sich gehört- eine medizinische Maske, über der runden Brille thront eine dicke, fellbesetzte Mütze, Schal und Stola sowie eine über die Knie gebreitete Decke halten Tante Paula auch bei unwirtlicher Witterung warm. Auch die Handtasche darf nicht fehlen.

Tante Paula – das ist die viel bewunderte und oft fotografierte Tonfigur, die von der Würzburger Künstlerin Hilde Würtheim geschaffen worden war und seit 2015 das Leben auf der Straße beobachtet und still genießt, wie es ihr verschmitzter Gesichtsausdruck vermuten lässt. Tante Paula geht es gut. Sie wird immer entsprechend der Jahreszeit gekleidet, die Alltagsmaske mit weihnachtlichen Motiven ist durch die nun geforderten OP-Maske gewichen. Zu ihren Füßen sitzt der kleine Wuffi, eine Katze streicht um die kleine Bank.

Und eine kleine Notiz zu ihrer Linken erklärt, was es mit dieser so sympathischen alten Dame auf sich hat. Es ist ein liebenswerter Text über eine offenbar sehr liebenswerte und sehr reale Dame: „Tante Paula wohnte über 5 Jahrzehnte in diesem Haus und wurde 89 Jahre alt. Sie war ein guter Mensch, immer lustig und hilfsbereit, wo Hilfe nötig war. Mit den fröhlichen Menschen lachte sie gerne und den trauernden Menschen gab sie Trost. Abgewiesen wurde niemand. Tief im Glauben verwurzelt leistete sie so ihren Dienst am Menschen“, heißt es da.

Und weiter: Tante Paula sei jetzt im Ruhestand und habe ihre Hände in den Schoß gelegt. Aber nach wie vor habe sie „für jeden ein offenes Ohr“. Die Passanten werden aufgefordert, sich einfach neben Tante Paula zu setzen: „Lassen Sie sich von Ihrer Ruhe anstecken. Erzählen Sie ihr von Ihren Freuden und Sorgen oder was Sie sonst so bewegt. Sie ist eine geduldige Zuhörerin und hat Zeit für Sie.“

Dass an Tante Paula ein solches „Denkmal“ erinnert, dafür hat eine ihrer Großnichten gesorgt. Zum Fünfzigsten hatte sie sich die Tonfigur aus der Würzbürger Werkstatt gewünscht. Für die Verwandten war Paula einfach eine „wirklich gute Tante“ und eine stets „positiv denkende Frohnatur“. Sie war im Jahr 1900 geboren worden, war verheiratet, blieb aber kinderlos, sei „aber niemals einsam“ gewesen, weil sie für jeden ein gutes Wort gehabt habe. „Zu ihr konnte man kommen, wenn man als Kind oder Jugendlicher Sorgen hatte, sie wusste immer Rat“, erinnern sie sich an die 1989 gestorbene Tante. Und auch daran, dass Paula immer „mindestens zehn Tafeln Noisette im Schrank hatte, mit denen sie die Kinder aus der Verwandtschaft und der Nachbarschaft verwöhnte“.

Paula Meyer, eine geborene Hengen („Häänel“, wie das in der Wasgaugemeinde heißt) ist ein Beispiel für jene „Tanten“, die für zahllose (Groß-)Nichten und -Neffen, Enkel und Nachbarkinder einfach als gute Geister da waren. Wie beispielsweise die „Goode“ –Maria Braun war nur unter diesem Namen bekannt-, die etwas jünger als Tante Paula war und von ihrer schmalen Rente immer so viel abknapste, dass sie für die Kinder im Oberdorf außer einem guten Wort immer auch etwas Süßes in der Tasche der „Kittelschürze“ parat hatte: herzensgut, selbstlos und freundlich, wie es für sie und viele andere ihrer Generation selbstverständlich war und für manche Jüngere auch heute noch ist.