Außergewöhnlich, ausgefallen und speziell – das „Tallbike“

HAUENSTEIN. Manchmal, wenn man auf Hauensteins Straßen unterwegs ist, muss man schon zweimal gucken: Da taucht doch ein Fahrrad auf, dessen Fahrer knappe zwei Meter über dem Straßenniveau sitzt und aus dieser hoher Warte ein nicht alltägliches Gefährt sicher durch den dörflichen Verkehr dirigiert:  Wolfgang Seibel, Fahrrad- und Rollerexperte, Dauerläufer und Tüftler, liebt es, immer wieder auch mal mit eher exotischen Fahrzeugen unterwegs zu sein. Und das „Tallbike“, wie Fahrradenthusiasten das „hohe Rad“ nennen, ist nicht das einzige Rad aus Seibels Fundus, das auffällt…

Außergewöhnlich, ausgefallen und speziell: So lässt sich das „Tallbike“, mit dem Seibel ab und an die Straßen der Wasgaugemeinde befährt, beschreiben. Er hat es aus zwei aufeinander geschweißten  Rahmen zusammengesetzt. Und so wirkt es wie ein zweistöckiges Fahrrad.  Wie kommt man da in den hohen Sattel? Seibel zeigt’s: Er schiebt das Fahrrad an, steigt mit einem Fuß auf eine Rahmenstrebe, dann auf die Pedale, schwingt das Bein über den Sattel und schon sitzt er drauf.

„Das sieht alles viel komplizierter aus als es tatsächlich ist“, lacht er und zeigt’s gleich nochmals, ehe er mit dem Bike ein paar Runden im Ortszentrum dreht. Das Tretlager sitzt bei dem Tallbike etwa da, wo sich beim „normalen“ Fahrrad die Sattelstütze befindet. Die Kette läuft von dort nahezu senkrecht zum Ritzel am Hinterrad und treibt das Gefährt an, recht flott und „völlig problemlos“, wie Seibel erzählt.

Und wenn er so unterwegs ist, dann ist das „Doppeldeckerfahrrad“ schon ein besonderer Eyecatcher: „Passanten bleiben stehen, manche lächeln, andere grinsen, mancher zeigt den hoch gestreckten Daumen“, berichtet Seibel von Reaktionen, wenn er mit dem Fahrrad auftaucht. Und was sagt der „Freund und Helfer“? „Ich bin unlängst in eine Kontrolle geraten. Die Beamten haben das Bike sehr genau unter die Lupe genommen, haben nichts gefunden, was nicht erlaubt wäre und haben mich schließlich lachend weiterfahren lassen“, berichtet Seibel.

Denn: „Die Benutzung des öffentlichen Verkehrsraums mit Tallbikes ist erlaubt, solange die Vorschriften für ein verkehrstaugliches Fahrrad nach den einschlägigen Paragrafen der StVO eingehalten werden“, weiß Seibel. An dem Radel sei alles dran, was dran sein muss. „Also ist es verkehrstauglich…“

„Man muss halt vorausschauend fahren“, schränkt er ein. Das Rad sei aber „viel sicherer als man denkt“, sagt Seibel und nennt als Ursache dafür „das Trägheitsmoment. Ein Besenstiel sei z. B. auf der Fingerspitze wesentlich leichter zu balancieren als ein Bleistift, ein stehender langer Stab kippt langsamer als ein kurzer Stab“. Und so sei das Tallbike bei der Fahrt auch stabiler als ein herkömmliches Fahrrad und zeige kaum Kipptendenzen. Schwierig sei es allerdings, das Fahrrad auf etwas schwierigerem Terrain zu bewegen: Deshalb bastelt Seibel  derzeit an einem hohen Mountain-Tallbike, einer statileren und geländegängigen Version also.

Seibel, der sich auch in der regionalen Läuferszene einen Namen gemacht hat und mit dem Tretroller 2008 sogar Weltmeister und zuletzt im vergangenen Jahr Deutscher Meister geworden war, hat Spaß an außergewöhnlichen Gefährten. „Die sehen ja alle irgendwie spektakulär aus. Und ich habe Freude daran, das andere Fahrgefühl, das sie vermitteln, zu erleben und auszuprobieren.“

Und so finden sich in seinem Fuhrpark in seinem Fahrrad- und Tretroller-Fachgeschäft in der Hauensteiner Sommerstraße noch einige andere Spezialräder: ein Ruderrad beispielsweise, das durch einen Bewegungsablauf bewegt wird, der dem Rudern nachempfunden ist und bei dem der Fahrer auf einem „Schlitten“ sitzt oder ein „Elliptigo“, ein Rad mit elliptischem Antrieb, das die Laufbewegung nachahmt und dabei mit dem Rad ein stoßreduziertes  Lauftraining möglich macht. Oder ein Rennrad, das zusätzlich zum „normalen“ Pedalantrieb mit einer Handkurbel angetrieben wird. Oder ein „Lopifit“, ein Fahrrad ohne Pedale, dafür mit einem Laufband: „Da gehst du spazieren und fährst gleichzeitig Fahrrad“, lacht Wolfgang Seibel, der immer auf der Suche nach neuen Trends –viele kommen aus Holland und aus den USA- ist und, wie man sieht, immer wieder fündig wird. (ran)