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Der Gemischte Chor des MGV Hauenstein übt digital

HAUENSTEIN. Es fängt alles an wie in einer ganz normalen Singstunde. Die einen sind früh da, andere kommen sehr knapp. Man begrüßt sich, ein Sänger lässt sich entschuldigen, Chorleiterin Julia Dauenhauer erläutert das Programm und bald beginnt eine stimmlockernde und stimmbildende Übung.

Es ist eigentlich wie immer. Nur: Der Gemischte Chor des MGV Hauenstein übt nicht leibhaftig und nicht im Proberaum, sondern schon seit Anfang März digital – über PC, Laptop und Smartphone, aus dem Wohn- oder Arbeitszimmer und der Küche und über die Plattform Zoom. Das kommt im Chor sehr gut an, aber nicht alle teilen die Begeisterung.

Am Mittwoch dürfen wir per Gastzugang „Mäuschen“ spielen. 23 Sängerinnen und Sänger haben sich über Zoom zusammengeschaltet. Die Damen sind deutlich in der Überzahl, nur vier Männer machen mit. Julia Dauenhauer, die dem Chor in normalen Zeiten physisch leitet, ist die Initiatorin der Video-Probe und die Moderatorin der „Sitzung“. „Ich hatte meine Zweifel, ob diese Form der Probe gut geht und ob sie den Leuten etwas geben kann“, hatte sie im Vorgespräch mit der Rheinpfalz eingeräumt.

Jetzt, nach einigen Wochen, kann sie feststellen: „Ich bin froh, dass wir den Versuch gewagt haben“, sagt sie. Die Sängerinnen und Sänger zögen mit, und dass „immer gut die Hälfte des Chores dabei ist und sich die meisten regelmäßig zuschalten“, das wertet sie auch als Beleg dafür, dass es „Spaß macht, auch in dieser Form zu singen“.

Das Organisatorische ist recht einfach. Julia Dauenhauer hat den Teilnehmern den Zugangslink per Email zugeschickt. Die Sängerinnen und Sänger schalten sich nach und nach zu und erscheinen auf dem Bildschirm als kleine Bildtafeln in einer „Galerie“. Die Chorleiterin, die vom heimischen Wohnzimmer aus agiert und von Mama und Schwester unterstützt wird, ist –bei Bedarf- groß im Bild. Sie gibt die Stimmübungen vokal und mit Keyboardunterstützung vor.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind stummgeschaltet und sind weder für die Chorleiterin noch für andere zu hören. Nur sie, ihre Gesangsstimme, ihr Keyboard und ihre Tipps –„Da müssen wir auf ein schlankes A achten“ oder „Hier bitte keine Atempause“- sind zu hören. Die stummen Bilder aber beweisen: Der Chor ist dabei, man singt, man übt, ist konzentriert. Irgendwie passend zur Zeit übt man eine neue Version von „We shall overcome“ ein, pflegt später mit „Bleibe bei uns, Herr“ auch das Repertoire.

Und das läuft genauso ab wie in den „analogen“ Singstunden: Jede Stimme wird einzeln vorgegeben, per Stimme und/oder per Keyboard, einmal oder mehrfach, am Bildschirm singen Sopran und Alt und die Männer abwechselnd, ehe mit Keyboardbegleitung stimmig gesungen wird. Wobei: Auch hier hört jeder nur sich. Das hat freilich Nachteile: „Schade, dass wir nicht hören, wie es im mehrstimmigen Satz klingt. Der Chorklang fehlt halt“, sagt Stephanie Baron, die zusammen mit ihrem Mann Bernhard an der digitalen Singstunde teilnimmt. „Mir fehlt schon auch die stützende Stimme der Nachbarin, die mir über Stellen hinweghilft, wo ich nicht so sicher bin“, stellt Elisabeth Reichert fest, die noch nicht so lange im Chor singt.

Einig ist man sich unter den Sängerinnen und Sängern, dass diese Form der Chorprobe in der gegebenen Corona-Situation ein probates Hilfsmittel ist. „Man trainiert seine Stimme und übt das Repertoire“, sagt Stephanie Baron. Und es sei gut, dass „wir uns in dieser Form treffen und uns sehen können“, meint sie. Das zeige auch, ergänzt Elisabeth Reichert, „dass es weitergeht: Der Termin Mittwoch, 20 Uhr, Singstunde steht – trotz Corona, trotz Kontaktbeschränkungen. Es ist ein kleines Stückchen Normalität.“

Das ist auch wichtig für die Chorleiterin, wenn sie an die Zeit nach der Pandemie denkt. „Wenn keine Proben stattfinden, dann geht uns auch der eine oder andere verloren, der sich innerlich vom Chor verabschiedet. Dann fällt es, wenn das Leben sich wieder normalisiert, umso schwerer, das Chorleben wieder zu reaktivieren. Mit der digitalen Probe haben wir immerhin ein Stück Chor, das weiter existiert und funktioniert“, sagt sie, wobei schon leises Bedauern mitschwingt, wenn sie feststellt, dass die „älteren Herren halt fehlen“.

„Die digitale Probe ist schon eine gute Möglichkeit, das Hobby trotz Corona weiter auszuüben“, stellt denn auch Peter Kopper, der Vorsitzende des MGV und einer der fehlenden älteren Herren, fest. „Aber: für mich ist es das nicht“, gesteht er. Gerade den älteren Mitsängern fehle zuweilen auch die Erfahrung und/oder das Equipment, um digital zu proben. „Nicht jeder kann und nicht jeder will“, sagt er und kommt auf den Punkt: „Es fehlt halt auch das Danach“, formuliert er und spielt damit auch auf die soziale Komponente des Singens im Chor an, ein Aspekt, den das digitale Üben eben nur marginal bieten kann.