Mit drei Jahren zur Kur verschickt – ein Albtraum, ein Trauma und Depressionen

30. Juli 2020
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HAUENSTEIN. Die Geschichte liegt 54 Jahre zurück, wirkt bei der Hauensteinerin Birgit H. aber immer noch intensiv nach und hat sich zu einem Trauma ausgewachsen, gegen das sie auch mit der Gründung einer Selbsthilfegruppe angehen will. Sie wurde 1966 zu einer „Kur“ nach Dausenau bei Bad Ems „verschickt“: „Das Ganze ist mir wie ein nicht enden wollender Albtraum in Erinnerung“, sagt sie im Gespräch mit der Rheinpfalz.

Birgit war damals drei Jahre alt, als sie mit ihrer drei Jahre älteren Schwester in einen Zug gesetzt wurde, in Neustadt von einer Begleitperson übernommen und schließlich in das Kinderheim „Waldesruh“ gebracht wurde. Die Kur war ärztlich verordnet. „Drei Wochen war ich dort und es war einfach nur schlimm“, sagt sie heute. Schlimm sei vor allem das „schreckliche Heimweh“ und das Gefühl gewesen, „fremden Menschen hilflos ausgeliefert zu sein“. Kontakt nach Hause gab es nicht, Telefongespräche waren nicht erlaubt.

Konkrete Erinnerungen an Einzelheiten und Episoden hat sie nicht: „Es tauchen lediglich Gegenstände auf, Einzelheiten des Gebäudes, keine Personen, keine Kinder.“ Einzig ein Mädchen namens Moni habe sie „als rettenden Engel“ erlebt, weil sie mit ihr gespielt habe. Sie weiß noch, dass „Essenszwang“ ausgeübt wurde, dass der Teller immer leer gegessen werden musste, auch dass die linke Hand immer neben den Teller zu legen war und dass die größeren Kinder die Kleinen ankleiden mussten.

Vieles sei nur im Unterbewussten gespeichert. „Ich durfte nie über die Kur reden, alles wurde totgeschwiegen.“ Das Trauma habe sie aber so sehr verfolgt, dass sie mit 40 Jahren depressiv wurde. „Damals habe ich angefangen über dieses schreckliche Erlebnis aus der Kindheit zu reden. Ich war aber noch nicht bereit, mir professionelle Hilfe zu holen.“ Auch, weil sie sich selbst nicht ernst genug genommen habe und nicht einschätzen konnte, „wie weit dieses Erlebnis mein Leben beeinträchtigt hat“. Noch heute quäle sie bei jeder Reise sofort Heimweh, gegen Reisen mit der Bahn verspüre sie eine starke Aversion, Bahnhöfe sorgen für Beklemmung.

Schließlich habe sie in ihrer Verzweiflung angefangen, sich den ganzen Ballast von der Seele zu schreiben. „Da kamen Gefühle zum Vorschein, von denen ich jahrelang nichts geahnt hatte. Einmal saß ich an meinem Laptop und habe von Gitterbetten und weinenden Kindern geschrieben, woraufhin ich mich plötzlich auf meinem Stuhl vor- und zurückbewegte und anfing, zu weinen wie ein kleines Kind.“ Das sei nur ein Beispiel von vielen, aber es verdeutliche ihr, „dass der Körper nichts vergisst, auch wenn der Kopf versucht zu verdrängen“.

Licht am Ende des Tunnels konnte sie sehen, als im September vergangenen Jahres die SWR-Sendung „Report Mainz“ über eine Initiative berichtete, die die Sonderpädagogin und Buchautorin Anja Röhl aus Berlin unter dem Titel „Verschickungsheime“ ins Leben gerufen hatte. Nach der Sendung meldeten sich hunderte von Betroffenen und schilderten ihre Erlebnisse. „Ich muss jedes Mal mit den Tränen kämpfen, wenn ich lese, wie man Kinder in den Heimen misshandelt hat“, sagt Birgit. Was Kinder in den Heimen erlebten und erlitten, ist auf der Seite https://verschickungsheime.de nachzulesen. „Und mir ist es wohl genauso ergangen“, sagt Birgit.

Anja Röhl habe es geschafft, das Leid der wohl insgesamt acht bis zwölf Millionen Verschickungskinder publik zu machen und in den Blickpunkt zu rücken. Ihrer Initiative sei es auch zu verdanken, dass sich zur Aufklärung und Aufarbeitung regionale Selbsthilfegruppen bildeten.  Birgit bietet unter der Email-Adresse dausenau.austausch@web.de  anderen Betroffenen an, mit ihr in Kontakt zu treten. Bei Bedarf könne eine Gruppe gebildet werden, die sich regelmäßig zum Austausch trifft und gemeinsam die traumatischen Erlebnisse aus den Verschickungsheimen aufarbeitet. (ran)

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