„Mutters Flucht“ von Andreas Wunn

18. Januar 2019
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HAUENSTEIN. Vor einigen Wochen stellte die Rheinpfalz den Roman „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ von Michael Kleeberg vor, ein Buch, Krieg, Vertreibung, Migration und die Liebe. Ausführlich wird darin die Sozialisation zweier Hauptfiguren in Hauenstein beschrieben, ein ganzes Kapitel ist „Hääschde“ –so die Überschrift- gewidmet. Jetzt ist das Buch „Mutters Flucht“ auf den Markt gekommen. Und auch hier ist ein Kapitel schlicht mit „Hauenstein“ überschrieben.

Autor ist der 43-jährige Andreas Wunn. Er war sechs Jahre lang Südamerika-Korrespondent und Leiter des ZDF-Büros in Rio de Janeiro, ist jetzt Chef und Moderator des „Morgenmagazins“ und des „Mittagmagazins“ des Mainzer Senders und lebt mit seiner Familie in Berlin. Und: Wunn hat Wurzeln in Hauenstein. Seine heute 77-jährige Mutter Rosemarie, geborene Loch, lebte von 1950 bis in die Siebzigerjahre in der Schuhgemeinde. Sie wohnt heute in Trier.

Wunns Buch „Mutters Flucht“ beschreibt den Weg, den Rosemarie und ihr Bruder Kurt zusammen mit ihrer Mutter Rosl und deren Mutter Maria auf der Flucht aus dem Banat nahmen. Die Spuren des Vaters hatten sich in einem Internierungslager in Zrenjanin, wo er wohl erschossen wurde, verloren. Für die Donauschwaben gab es dort nach dem Krieg keine Zukunft mehr. Es blieb die Flucht. Und die beginnt in Setschan, dem Geburtsort Rosemaries im heutigen Serbien, führt über das Inferno des Internierungslagers Gakowa 1947 nach Ungarn, Österreich und Bayern –entlang jener Strecke also, die als Balkanroute bekannt wurde- und endet schließlich 1950 in Hauenstein.

Wunn ist mit seiner Mutter im Sommer 2017 all die Stationen der Flucht abgefahren, in umgekehrter Reihenfolge: Und so beginnt die Reise in Hauenstein. Und wir beschränken uns hier auf jene 25 Seiten des Buchs, die sich mit Hauenstein befassen: Sie beschreiben unter anderem die Ankunft der Flüchtlinge in zwei Bussen, die vom Bürgermeister, damals war das Hermann Seibel, begrüßt und in den kleinen Siedlungshäusern in der Waldenburger Straße untergebracht werden.

„Mächtigster Mann“ im damaligen Hauenstein sei aber nicht der Bürgermeister, sondern Pfarrer Georg Sommer gewesen, „ein kantiger Mann mit hoher Stirn“, der das Dorf von der Kanzel aus beherrscht und in die Familien hineinregiert, sich aber Verdienste in seiner Verweigerung dem Nazi-Regime gegenüber erworben hat. Ein „stolzes“, ein „wohlhabendes Dorf“ sei Hauenstein damals gewesen, schreibt Wunn, und beschreibt in einem Exkurs die Hochzeit der Schuhindustrie, die Wohlstand und Arbeitsplätze in das Dorf gebracht haben.

Andreas Wunn und seine Mutter besuchen das kleine Häuschen in der Waldenburger Straße, das nun von Familie G. bewohnt wird. Sie kennen die „Rosmarie“ seit ihrer Kindheit, empfangen den Besuch „strahlend“: „Rosmarie, schaut euch alles an!“, fordert Frau G. auf: Der Gast erinnert sich an den „Kühlschrank“, ein Fach in der Treppenstufe, an den Platz des Sofas, auf dem sie „lasen, Radio hörten, Handarbeiten machten“, an den Küchentisch, wo die Kinder Hausaufgaben machten und die Mutter Näharbeiten: „Kinderkleidchen für eine Fabrikantenfamilie.“

Mutter und Sohn durchstreifen gemeinsam das Dorf: Die Mutter „kennt jedes zweite Haus“, „kann die Namen der Familien aufzählen“ und erinnert sich an die „Geschäfte und Firmen, an denen sie täglich vorüberging“. Wunn berichtet –vielleicht etwas verallgemeinernd: Flüchtlinge „bekamen hier zwar materielle Hilfe, doch in den Kreis der Dorfbewohner wurden sie nie wirklich aufgenommen. Sie blieben Fremde.“ Andererseits: Als Rosemaries Bruder mit Magenbluten ins Krankenhaus eingeliefert wurde, da „betete sonntags das ganze Dorf für ihn in der Kirche.“

Aber es wird „getuschelt“, als die Geschwister ins Gymnasium nach Landau gehen: Sie sollten besser in die Fabrik gehen und Geld verdienen. Die Familie lebt „zurückgezogen“, „Kontakt hatte man vor allem zu Flüchtlingsfamilien“. Rosemarie aber geht ihren Weg, schließt sich der kirchlichen Jugendgruppe an, studiert, wird Lehrerin und unterrichtet an der Marienschule in Hauenstein.

Rosemarie und Andreas Wunn sind nur ein paar Tage in Hauenstein, dann geht die Reise weiter – über rund 1300 Kilometer auf den Spuren der Flucht der Mutter, die sich an allen Stationen eher zögerlich erinnert: „Meine Mutter wollte die Erinnerung nicht unbedingt verdrängen – aber auch nicht pflegen“, schreibt Wunn.

Das Buch liest sich flüssig, baut Spannung auf, bedient sich einer klaren, unprätentiösen Sprache, pflegt in vielen Passagen den Stil einer Reportage, zuweilen auch, gerade in reflektierenden, wertenden Stellen, den inneren Monolog. Nicht zuletzt: Die Art, wie Wunn seine Mutter an die Stationen der Flucht vor nahezu 70 Jahren führt, macht deutlich, dass er das Journalistenhandwerk der Recherche blendend versteht.

Wunns Buch hat wohl einen historischen Hintergrund. Und doch ist es brandaktuell, weil es die Flüchtlingsdiskussion unserer Tage unter einem ganz anderen Blickwinkel aufgreift, weil es auch gerne aktuelle Bezüge aufgreift, wie –um nur zwei Beispiel aus Hauenstein zu nennen- ein Dialog mit Herrn G. über Flüchtlinge in der Nachbarschaft oder ein Gespräch mit einer somalischen Familie auf dem Spielplatz am Hotel „Felsentor“.

Was Deutschland nach 2015 erlebte, das hat das sich gerade vom vernichtenden Weltkrieg erholende Land vor 70 Jahren schon mal erlebt, mit zwölf Millionen Kriegsflüchtlingen und Vertriebenen deutlich heftiger als heute, wenn auch mit Akteuren aus einer anderen Welt. Aber: Man hat’s geschafft. Dass das alles andere als leicht war, auch davon erzählt das Buch. (ran)

 

Info: Andreas Wunn: Mutters Flucht, 251 Seiten, Ullstein-Verlag, ISBN 978-3-550-05036-7

Unfallflucht
Annweiler (ots) - Am 15.02.2019, in der Zeit von 09.05-11.05 Uhr wurde an einem PKW Renault Espace, welcher auf dem Parkdeck in der Sparkasse stand der Außenspiegel der Beifahrerseite beschädigt. Vermutlich beim Ein- oder Aussteigen aus dem rechts davon geparkten PKW wurde gegen den Spiegel gestoßen. Bei dem möglichen Verursacher soll es sich um einen Audi-Kombi hellblau gehandelt haben. Zeugenhinweise an die Polizei Annweiler unter 06346-964619. (Polizeidirektion Landau)

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Verkehrsunfallflucht
Dahn (ots) - Am Mittwoch den 13.02.2019, in der Zeit von 09:00 Uhr - 10:25 Uhr, stieß ein unbekannter Fahrzeugführer in der Schulstraße auf dem Parkplatzgelände von einem Geldinstitut gegen einen geparkten, weißen Pkw Ford Kuga und beschädigte diesen. Anschließend entfernte sich der Verursacher von der Unfallstelle, ohne sich um den entstandenen Schaden zu kümmern. An dem Ford entstand ein Schaden in Höhe von ca. 1500 EUR. Die Polizei bittet Zeugen die Hinweise hinsichtlich des Unfallverursachers geben können, sich bei der Polizei Dahn unter der Tel. Nr. 06391-9160 zu melden. (Polizeidirektion Pirmasens)

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